Interview mit Meister Yang ZhenHe zu verschiedenen Aspekten des Tai Ji Quan-Übens, geführt von David Sommer

Meister Yang, es ist schön, Sie heute interviewen zu können. Ich beginne dann auch schon direkt mit der ersten Frage: Können Sie bitte kurz die Entwicklung und Einflüsse des Yang-Stils in Guang Fu nachzeichnen?

Yang LuChan ging mehrfach nach Chenjiagou und lernte dort Tai Ji Quan von der Familie Chen. Wieder zurück in Guangfu unterrichtete er mehrere Schüler, u.a. Wu YuXiang, der nach Trainings-Aufenthalten in Zhaobao den Wu (Hao)-Stil begründete. Yang LuChan hatte viele Schüler, auch am Kaiserhof, an dem er zeitweise unterrichtete. Seine Söhne, Yang BanHou und Yang JianHou gaben die Kunst ihrerseits weiter. Yang BanHou war, so ist es überliefert, ein harter, unnachgiebiger Lehrer und hatte daher nur wenige Schüler. Seine Kunst wurde aus diesem Grund in einem kleinen Kreis, vor allem in Guangfu, geübt.

Yang JianHou hingegen hatte viele Schüler, unter ihnen seine Söhne Yang ShaoHou und Yang ChengFu. Yang ChengFu veränderte den Yang Stil sehr stark, indem er jegliche schnellen Elemente und Sprünge aus der Form entfernte und die Bewegungen größer üben ließ. Während vorher Sprünge und schnellere Bewegungen sowie ein Wechsel zwischen hohen und tiefen Positionen prägend für die Langform waren, wurde sie durch Yang ChengFu vereinfacht und die vorher beschriebenen Elemente entfernt.

Die Gründe dafür sind vielfältig und heute kann darüber nur noch spekuliert werden. Zu dieser Zeit fanden die sog. Boxeraufstände statt, die zu einem schlechten Image der Kampfkünste führten. Außerdem erfuhr der Yang-Stil eine große Verbreitung, was eine bessere Zugänglichkeit der Form erforderte. Von einigen Praktizierenden wird behauptet, dass ein Grund für die Vereinfachung gewesen sei, dass das Wissen um die "Geheimnisse" in der Familie gehalten werden sollte und die Form daher für einen Unterricht "außerhalb" verändert worden sei. Ich halte das jedoch nicht für sehr wahrscheinlich, da sich die "Geheimnisse" nicht in einzelnen Bewegungen finden, sondern nur in der Gesamtheit erfahren werden können.

Das äußert sich in korrekter Haltung und Körpermechanik, die die Grundlage der Entwicklung von gongfu sind. Erlangt werden diese über eine gewissenhafte Korrektur durch den Lehrer, beharrliches Üben der Form, Partnerübungen, Einzelübungen und die Waffenformen.

In GuangFu wird das Tai Ji Quan der Yang-Familie auch das „Taiji von außerhalb der Mauern“ und das Tai Ji Quan der Wu-Familie das „Taiji von innerhalb der Mauern genannt“. Dies liegt daran, dass die Yang-Familie außerhalb der Stadtmauern lebte, während die wohlhabende Familie Wu schon immer innerhalb der Stadtmauern lebte. Beide Stile werden in Guangfu seit ihrer Entstehung geübt und sind daher hier in ungebrochener Tradition überliefert worden.

In Guangfu ist auch die weniger weit verbreitete Übertragungslinie des Yang-Stils von Yang BanHou erhalten geblieben, weshalb in unserem Stil neben der 85er Form von Yang ChengFu auch die 108er Langform mit fajin und Sprüngen sowie der Langstock geübt wird. 

Können Sie uns etwas zu Ihrem Lehrer erzählen?

Zhai WenZhang, zu seiner Zeit Hauptvertreter für Wu und Yangstil in Yongnian Guangfu, hat unter Mao Militärdienst geleistet und ist danach wieder zurück in seinen Heimatort Guangfu gekommen und hat dort bis zu seinem Tode unterrichtet. Er lernte von Yang ZhaoPeng und Yang ZhaoLin, die ihrerseits Schüler von Yang BanHou waren. Als er zurückkam, lernte ich ihn kennen. Ich war damals noch sehr jung, es wurde aber sehr schnell klar, dass er über unglaubliches Können verfügte und daher wollte ich sofort sein Schüler werden. Ich gab die Kampfkunst auf, die ich vorher übte und widmete mich fortan nur noch der Kunst meines neuen Meisters. Seit dieser Zeit übte ich jeden Tag mit ihm und meinen Mitschülern und lernte bei ihm bis zu seinem Tode im Jahr 1989. Einige Zeit nach dem Tod meines Meisters wurde ich als Schüler von Yang ZhenDuo dem jüngsten Sohn von Yang ChengFu angenommen.

Worauf kommt es in Ihrem System besonders an? Was ist das wichtigste, was es zu üben gilt?

Das wichtigste ist das Üben der richtigen shenfa. Das ist der Begriff für die Körperhaltung, Körpermechanik und allgemein die Art, wie man sich bewegen sollte. Dazu muss man von vorne anfangen. Aus dem Klaren, Einfachen entsteht das Unbestimmte. Zuerst die Grundlagen üben, aus eckig wird rund, aus dem großen Runden entstehen kleine Kreise, aus dem großen Yin und Yang entstehen sich gegenseitig ergänzende kleine Yin und Yang Bewegungen. Dann wird das Yi geübt.

Schließlich werden die Bewegungen „formlos“. Ohne diese Entwicklung kann man kein richtiges Tai Ji Quan lernen. Der Schüler kann sich nicht entwickeln. Wenn man einen Meister sieht, der besonders gutes Taiji macht, dann sollte man nicht versuchen, die Bewegungen zu kopieren, sondern versuchen den gleichen Weg zu gehen, den auch der Meister gegangen ist. Das, was man sieht ist das Ergebnis des Übungsweges, nicht der Anfang. Das was man sehen kann, ist nicht das was Tai Ji Quan ausmacht. Es ist das innere Gefühl, welches sich entwickeln muss. Es ist außerdem wichtig, sich auf einen Übungsweg einzulassen und sich nicht von den vielen Möglichkeiten, die es heute gibt, verwirren zu lassen. Man muss erstmal in ein Tor eintreten bevor man weitergehen kann und andere Dinge sinnvoll in das bestehende integrieren kann.

Es wird oft über die Verbindung von tuishou und taolu gesprochen. Bei vielen Übenden scheint es Unklarheiten über die Bedeutung beider Übungsarten im Tai Ji Quan zu geben. Können Sie uns diese etwas erläutern?

Über die Form werden die Prinzipien, die richtige Haltung, Struktur, Art sich zu bewegen vermittelt. Über das Üben der Form werden diese Prinzipien in den Körper aufgenommen und können dann im TuiShou in der Anwendung mit einem Partner erfahren und vertieft werden. Dieses vertiefte Verständnis wiederum hat Auswirkungen auf das Üben der Form. Man kann anfangen, das Erlernte selber zu erkunden und erfahren, wie sich die Prinzipien auswirken. Nur durch diese Kombination und die gegenseitige Rückkopplung kann sich Tai Ji Quan in allen Facetten entfalten. Wichtig ist dabei immer eine enge Verbindung zum Lehrer, damit der Schüler die richtigen Schlüsse ziehen und sich in die richtige Richtung entwickeln kann.

Ohne Anleitung können schnell ungewollte Fehlentwicklungen eintreten. In diesem Zusammenhang ist auch der Ausdruck "bu da bu jiao" zu sehen. (übersetzt: nicht schlagen, nicht unterrichten). Es ist enorm wichtig, dass der Schüler regelmäßig mit dem Lehrer TuiShou praktizieren und spüren kann, wie es sich anfühlt gepusht zu werden und wie sich allgemein die Bewegungen des Lehrers anfühlen. Nur so erfährt er, wie es sich "richtig" anfühlt, in welche Richtung es sich also entwickeln kann.

Was ist die Bedeutung des Langstocks? Wieso wird er in Ihrem System geübt?

Der Langstock ist eine traditionelle Waffe im Yangstil. In Guangfu wurde diese Kunst über die Generationen überliefert und wird daher auch bei uns geübt. Der Langstock hilft dem Schüler, auch ohne Partner eine Rückkopplung zu bekommen. So übt man mit dem Langstock vorallem die Ganzkörperbewegung, fajin, und eine stabile Struktur, die durch die Beine und das Becken geführt wird. Natürlich gibt es auch Partnerübungen mit dem Langstock.

Gibt es weitere Möglichkeiten zur Verbesserung des gongfu?

gongfu bedeutet übersetzt "Können, das durch harte Arbeit erworben wurde". Also muss der Weg zu gongfu über ausdauerndes Üben führen. In unserem System gibt es dafür die Vorübungen, Handformen, Waffenformen, Partnerübungen und Einzelübungen mit und ohne Waffen. Es ist nicht notwendig, alles zu beherrschen, um gongfu zu entwickeln. Wichtig ist nur, nach Anleitung eines guten Lehrers regelmäßig zu üben und sein eigenes Können stetig zu hinterfragen. So ist es beispielsweise nicht zielführend, wenn ein Schüler immer die ganze Form übt. Vielmehr sollte der Schüler sich im Klaren sein, wo seine eigenen Schwächen liegen und genau diese Punkte üben, um sich insgesamt zu verbessern. 

Aber das wichtigste zur Erlangung großer Fähigkeiten ist das Üben des Yi. Wenn man sich durch Yi mit dem Gegenüber verbindet, dann kann man die Bewegungen des anderen antizipieren. Der Spruch „Er bewegt sich nicht, ich bewege mich nicht. Er bewegt sich, ich bin schon da.“ Bezieht sich darauf. Wenn ich spüre, wohin mein Gegenüber sich bewegen will, dann kann ich die Bewegung unterstützen oder unterbrechen. Ich bin im Vorteil. Dazu ist es sehr wichtig, tingjin zu üben. Zhan nian lian sui. Kleben, haften, verbinden, folgen ist die Grundvoraussetzung dafür.

Welche Bedeutung haben Lehrer und Meister für den Schüler im Tai Ji Quan?

Der Lehrer bringt einem Schüler sein Wissen bei. Er hilft dem Schüler in der Entwicklung und steuert die Entwicklung des Schülers durch Korrekturen in der Form und in den Partnerübungen. Dadurch wird die Art, in die sich der Schüler entwickelt, geprägt. Das ist das, was ich vorher erwähnt habe. Der Lehrer muss den Schüler auf dem Weg begleiten, den er selber gegangen ist. Durch das Üben der Partnerübungen mit dem Lehrer kann der Schüler erfahren, wie sich die Bewegungen anfühlen. Er kann gewissemaßen die verschiedenen Energien, die es im Tai Ji Quan gibt, spüren und so auch wahrnehmen, wo es bei ihm selber noch Defizite in der Entwicklung gibt.

Gleichzeitig ist es wichtig, auch mit anderen Schülern zu üben, da man beim Üben mit Lehrer oder Meister in der Regel das Gefühl hat, dass man Chancenlos ist und noch viel zu weit zurück ist in der eigenen Entwicklung. Das eigene Können zu begreifen und die gelernten Prinzipien zu vertiefen geht nur in der Übung mit Mitschülern auf ähnlichem Niveau. Die Form sollte nicht als starres Korsett unterrichtet werden. Der Lehrer kann den Schüler nur auf Bewegungen und Feinheiten hinweisen, die der Schüler dann für sich umsetzen muss. Das geht nur durch das eigene Üben der Form. Das ist es auch, was Tai Ji Quan zu einer lebendigen Kunst macht. Jeder übt "sein eigenes" Tai Ji Quan, dass von dem Stil, dem Meister und dem Lehrer geprägt wird. Dadurch entwickelt sich Tai Ji Quan weiter und jeder Übende übt es so, wie es für seine eigenen Voraussetzungen, seinen eigenen Körper und seinen Charakter richtig ist.

Das Interview führte und übersetzte David Sommer.